Sigmund Freud Museum

Wien/2017

Leerstellen und Totem

»Freud ist Genie, Gründer, Meister, Gigant unter den Schöpfern des modernen Denkens und nicht minder nachdrücklich Autokrat, Plagiator, Fabulist und der vollkommenste aller Scharlatane genannt worden.« (Peter Gay)

Sigmund Freud verteidigt bis heute seinen Platz in der Geschichte – als Tabubrecher, Wissenschaftler und als Wegbereiter des Gedankens, dass man Menschen im Gespräch heilen kann. Seine Ideen inspirierten die großen Theoretiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Lacan, Derrida, Foucault) und hatten prägenden Einfluss auf Kunst und Literatur (Klimt, Kokoschka, Schiele, Schnitzler, Mann, Musil). Diese populärkulturellen Aneignungsformen haben eine Breitenwirkung für die Wahrnehmung des Selbst entfaltet, die Freuds Werk allein kaum hätte haben können. Neben dieser Nachwirkung steht der Einfluss auf Psychologie und Psychiatrie, die Freuds nicht unumstrittenes Werkes immer noch hat.

Der Gestaltungsansatz für das Sigmund Freud Museum geht von zwei grundlegenden Annahmen aus: Freuds Schaffen ist erstens ideengeschichtlich nicht abgeschlossen. Es wirkt bis heute auf verschiedenen gesellschaftlichen und kulturellen Ebenen fort und wird immer wieder neu interpretiert. Zweitens ist Leben und Werk im Fall Sigmund Freuds auf eine Weise miteinander verbunden, die einen klassisch biographischen und werkgeschichtlichen Umgang oder gar eine Trennung von beidem verunmöglicht. Ein Geniekult kann und soll nicht gefördert werden. Darum erzählt der inhaltliche Ausstellungsansatz keine einheitliche Geschichte, die auf Rekonstruktion des Vergangenen aufbaut, sondern zeigt die Kontingenzen und das Prozessuale in Freuds Leben und der Entwicklung der Psychoanalyse auf.

Gestalterische Hinzufügungen sind immer als neu zu erkennen und trennen sich bewusst vom Bestand ab. Spezifische Installationen und vom architektonischen Bestand klar abgelöste Ausstellungselemente öffnen Perspektiven, um den „Kosmos Freud“ verschiedenen Zielgruppen zugänglich zu machen. Die Freud-Expertin soll genauso angesprochen werden wie der Besucher, der Freud nie gelesen hat. Die Selbstreflexion der Besucher soll angeregt, die Biografien der Freuds und der sie begleitenden Personen dargestellt und gleichzeitig die Mehrschichtigkeit der Räume in der Berggasse 19 erlebbar werden.

Diese Haltung gilt genauso für den architektonischen Umgang mit dem Haus. Die „Aura“ des Originals soll zugelassen, nicht aber „angebetet“ werden. Dabei soll für die BesucherInnen deutlich sein, was originaler Zustand von 1938 und was nachträglich hinzukam. Der manchmal diskursive, manchmal spielerische, teils sachlich-nüchterne, teils poetische Umgang mit einem der bedeutendsten Denker der Moderne fordert das eigene Denken heraus. Statt einer Rekonstruktion des Vergangenen prägt ein bewusster Umgang mit den Leerstellen den Entwurf.